Virtuelles Erinnern
Virtuelles Erinnern ist Julians Promotionsvorhaben an der Universität Regensburg im Fach Medieninformatik. Die Arbeit entwickelt den Begriff des virtuellen Gedächtnisträgers, also eines kulturellen Bedeutungsträgers, der ein Objekt samt seiner Erinnerung in eine digitale Form überführt. Den empirischen Rahmen liefert das Forschungsprojekt hand.gemacht am Freilandmuseum Oberpfalz. Bevor sich ein solcher Träger gestalten lässt, müssen zwei Begriffe geklärt sein. Was heißt virtuell, jenseits von online und unecht? Und was sammelt ein Museum, wenn es nicht mehr das Objekt, sondern dessen digitale Aufnahme aufbewahrt? Die Dissertation beantwortet beides und erprobt die Antwort an einer realen Sammlung.
Das Wort virtuell bezeichnet sehr verschiedene Dinge. Einen Rundgang, eine Rekonstruktion, eine Kommunikationssituation, eine Plattformoberfläche. Im musealen Feld verschärft sich das, weil Sammlungen zunehmend digitalisiert, aber selten konzeptionell durchdrungen werden. Verborgene Depots mit ausschließlich physischem Zugang sind nicht mehr zeitgemäß, doch digitale Sichtbarkeit allein erzeugt noch keine lebendige Erinnerungskultur. Die Arbeit nimmt diese doppelte Unschärfe zum Ausgangspunkt. Sie fragt nicht, ob digitale Objekte echt sind, sondern unter welchen Bedingungen eine mediale Anordnung zu einer Situation wird, in der Wahrnehmung, Handlung und Bedeutung zusammenfinden.
Virtualität wird dabei nicht als technische Eigenschaft bestimmt, sondern als Ordnungsdimension medialer Konstellationen. Im Anschluss an Stalder steht die Kultur der Digitalität für den Rahmen, in dem virtuelle Phänomene entstehen, während Steuers Begriffe von Präsenz, sensorischer Dichte und Interaktivität die graduelle Bestimmung erlauben. Norton bindet das Virtuelle an einen Referenzhorizont, denn es gewinnt seine Wirklichkeit erst im Verhältnis zu dem, was eigentlich der Fall sein sollte. Virtuell meint hier weder unwirklich noch bloß digital, sondern einen wirksamen, medial zugänglichen Modus nicht-physischer Gegenständlichkeit. Von Simulation, Illusion und Fiktion bleibt er begrifflich getrennt.
Auf dieser Grundlage entsteht der virtuelle Gedächtnisträger als kulturelles Artefakt, bestimmt über vier Aspekte: die digitale Momentaufnahme, die dreidimensionale Digitalisierung, die Mensch-Objekt-Beziehung und die zugrundeliegende Datenstruktur. hand.gemacht erprobt das Konzept mit einer in-situ-Strategie. Objekte werden vor Ort bei ihren Besitzer:innen erfasst und bleiben danach in Gebrauch, wodurch sich Gegenstände in fortgeführter Nutzung, mit emotionaler Bindung oder vergänglicher Gestalt überhaupt erst sammeln lassen. Die Unikathek präsentiert die Träger anschließend als navigierbares Netzwerk, in geführten Touren und im annotierten Modell. Eine designforschende Expert:innenstudie prüft, wie tragfähig die entwickelten Vermittlungsformate sind.
Der Ertrag liegt auf zwei Ebenen. Begrifflich verschiebt die Arbeit die Frage von der Eigenschaft eines Mediums auf die Ordnungsleistung einer Konstellation. Nicht ob etwas virtuell ist, sondern wie und wodurch es seine eigene Wirklichkeit hervorbringt. Praktisch öffnet der virtuelle Gedächtnisträger einen Zugang zu kulturellem Erbe, das in der institutionellen Besitzlogik bislang keinen Ort hatte. Weil ein Objekt nach der Aufnahme weiter genutzt wird, lässt es sich zu verschiedenen Zeitpunkten erneut erfassen, und seine Veränderungen werden selbst zum Forschungsgegenstand. Über den musealen Kontext hinaus reicht das Konzept in Bildung, soziale Medien und industrielle Anwendungen.