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hand.gemacht

hand.gemacht erschließt eine kulturell bedeutsame Objektgruppe, die sich der musealen Sammlung entzieht. Ihre Besitzer:innen geben sie aus emotionaler Bindung oder weiterhin aktivem Gebrauch nicht her. Das Drittmittelprojekt wird vom Bayerischen Staatsministerium der Finanzen und für Heimat in der Richtlinie *Heimat Digital Regional* gefördert. Träger des Projekts ist das Freilandmuseum Oberpfalz, das selbst in der Trägerschaft des Bezirks Oberpfalz steht. hand.gemacht digitalisiert diese Objekte per 3D-Scan vor Ort und erfasst zugleich Motivation, Nutzungspraxis und Erinnerung. So entsteht ein Zugriff auf kulturelles Erbe, das nicht in den Bestand der Institution übergeht. Das entwickelte Verfahren macht die Verbindung von Form und Bedeutung reproduzierbar.

Museale Sammlungen folgen einer institutionellen Logik, die auf Erwerb, Inventarisierung und Magazinierung basiert. Eine Klasse kulturell relevanter Dinge bleibt dabei außerhalb dieser Ordnung. Ihre Besitzer:innen wollen oder können sie nicht abgeben. Häufig stehen die Objekte weiterhin in aktivem Gebrauch oder sind so eng mit den Lebenswelten ihrer Besitzer:innen verbunden, dass eine Übergabe nicht in Frage kommt. In der regionalen Kulturlandschaft sind sie präsent, für Forschung und musealen Diskurs aber kaum erschlossen. hand.gemacht hat diese Lücke zum Ausgangspunkt seines Vorgehens gemacht. Die Bedeutung dieser Objekte zeigt sich gerade an ihrer Nicht-Sammelbarkeit.

Bei jedem Termin entstehen zwei Datensätze. Vor Ort beim Besitzer wird das Objekt per 3D-Scan dreidimensional erfasst, einschließlich seiner Form, Oberfläche und Gebrauchsspuren. Parallel dokumentiert ein qualitatives Interview die Bedeutungsebene. Es erfragt die Nutzungspraxis sowie die persönlichen Bindungen, Erinnerungen und Geschichten, die mit dem Objekt verknüpft sind. Form und Kontext stehen am Ende als verschränktes Paar nebeneinander. Designforschung liefert das methodische Gerüst und begreift das Verhältnis von materieller Gestalt und gelebter Bedeutung als Gestaltungsfrage. Die Unikathek, eine im Projekt entwickelte Webapp, macht diese Verschränkung für Forschung und Vermittlung navigierbar.

Was entsteht, ist ein digitales Korpus von Objekten, denen ihre Bedeutung beigegeben ist. Die 3D-Modelle erlauben präzise formale Analyse, die qualitativen Daten halten den Bedeutungskontext fest. Über die Unikathek wird der Bestand für unterschiedliche Zugriffe geöffnet. Forschung kann am Korpus formale und semantische Vergleiche anstellen. In der Museumsarbeit lassen sich die Objekte in kuratorische Linien einordnen. Für Bildungskontexte bieten sie Anknüpfungspunkte an die regionale Kulturgeschichte. Die Sammlung wächst, ohne dass ein einziges Objekt seinen Ort verlässt. Sie entsteht parallel zu den Lebenswelten, aus denen sie stammt.

Methodisch lassen sich Form und Bedeutung in einem integrierten Verfahren gemeinsam dokumentieren, reproduzierbar und auf andere Forschungs- und Sammlungskontexte übertragbar. Erkenntnistheoretisch öffnet das Projekt einen Zugriff auf kulturelles Erbe jenseits der institutionellen Besitzlogik. Die Sammlung verschiebt sich vom Inventar zur Beziehungsdokumentation, vom Was zum Wie der kulturellen Bedeutung. Was eine Sammlung ist, wenn ihre Objekte anderswo bleiben, lässt sich von hier aus neu fragen.